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Als Kind zum Töten gezwungen
China Keitetsi, ehemalige Kindersoldatin in Uganda und Autorin eines erschütternden Buches Braunschweig, 06.06.2004 – Eine zierliche Frau mit liebenswürdigem Lächeln, die unfassbare Gräuel erlebt hat: China Keitetsi, 28 Jahre alt und ehemalige Kindersoldatin in Uganda. Am vergangenen Freitag hat sie in Braunschweig auf Einladung von amnesty international über ihr Schicksal berichtet. Prügel bis zur Bewusstlosigkeit waren in Chinas Familie Normalität. Als die Neunjährige von ihrem Vater weglief, um ihre leibliche Mutter zu finden, wurde sie von Rebellen aufgegriffen und zur Kindersoldatin rekrutiert. "Dort mussten wir tun, was der Boss sagte, und keine Fragen stellen", sagt China. Zehn Jahre lang blieb China bei der Armee, wurde von Offizieren vergewaltigt und zum Töten gezwungen. Mit 14 brachte sie ihr erstes Kind zur Welt. Schließlich gelang ihr die Flucht. 1995 kam sie durch das Flüchtlingshilfswerk der UNO nach Dänemark. Dort macht sie heute eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin - und hat ein Buch geschrieben: "Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr" ist mittlerweile in fünf Sprachen erschienen und in Deutschland seit kurzem als Taschenbuch erhältlich. Mit dem Schreiben angefangen hat China, um ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. So bringt sie auch immer wieder den Mut auf, mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit zu gehen. "Wenn ich allein bin, weine ich oft", sagt sie, "aber wenn ich vor Publikum spreche, denke ich an die Kinder, die das Gleiche erlebt haben wie ich. Dann weiß ich, dass das nicht nur meine Sache ist, sondern die von uns allen." Keitetsis Kinder - ein Sohn und eine Tochter - sind noch in Afrika. Seit vielen Jahren hat sie sie nicht gesehen. Sie hofft, ihren Sohn bald nach Dänemark holen zu dürfen. In Kindern - nicht nur ihren eigenen - findet Keitetsi die Unschuld, die ihr selbst genommen wurde. "Am liebsten rede ich vor Schulklassen", sagt Keitetsi, "dann fühle ich mich manchmal so glücklich, dass ich mir wünsche, dass die Zeit stehen bleibt." Keitetsis Engagement gilt den Kindersoldaten in aller Welt. "Kein Kind sollte ein Gewehr benutzen müssen", sagt sie. Eine Stiftung hat sie gegründet und will in Ruanda ein Zufluchtsheim bauen - denn die meisten Kindersoldaten haben kein Zuhause, in das sie zurückkehren könnten. Keitetsi hat heute ein Zuhause in Dänemark, auch wenn ihr vieles noch fremd ist. "Aber ich bin glücklich, weil ich endlich frei bin und wieder etwas fühlen kann", sagt sie. [Neue Braunschweiger Zeitung] Stille im Saal: "Ich habe meine Kindheit verloren..." Die ehemalige Kindersoldatin China Keitetsi berichtet auf Amnesty-Einladung eindrucksvoll über ihre Erlebnisse Lebenstedt, 10.06.2004 – China Keitetsi (26) ist eine zierliche Person mit schwarzen, kurzen Locken. Wer sie sieht, mag gar nicht glauben, dass diese Frau mit dem ernsten Gesicht schon in frühen Jahren getötet hat - als Kindersoldatin in Uganda. "Wir in Europa können uns oft gar nicht vorstellen, dass es überhaupt Kindersoldaten in der Welt gibt", eröffnet Christa Christlieb, ehrenamtlich bei Amnesty International Salzgitter tätig, den Vortrags- und Diskussionsabend im Gewerkschaftshaus in Lebenstedt. "Und dabei gibt es weltweit mehr als 300.000 Kindersoldaten, davon ein Drittel allein in afrikanischen Ländern", sagt Christa Christlieb weiter. China Keitetsi verbrachte ihre Kindheit in einem Trainingscamp in Uganda - getrennt von Eltern und Geschwistern. Der Leiter Yoweri Mouseveni führte eine Gruppe von Aufständigen gegen die Regierung und war der erste, der Kinder als Kämpfer für die "National Resistance Army" einsetzte. Wirkte es auf die Kinder zunächst noch wie ein Spiel, endete dieser Irrglaube für China abrupt mit dem Tod eines Freundes durch die Kugeln der Feinde: "Unsere Vorstellung von Gefahr war begrenzt, alle zogen an einem Strang, aber wir hatten auch nichts, wohin wir zurückgehen konnten", schreibt die junge Frau in ihrer Biographie. Lähmende Stille unter de rund 40 Zuhörern. Der Kampf ist jedoch nicht der einzige Dienst, den junge Frauen zu leisten hatten. Auch waren sie private Hausangestellte und mussten Vergewaltigungen durch die Hausherren über sich ergehen lassen. "Heute bin ich an einer Schule gewesen, und es macht mich sehr glücklich, junge Leute zu treffen", erzählt China. "Denn diese haben noch nichts zu dem Schicksal beigetragen, dass mir widerfahren ist", sagt sie. Mit Hilfe der UNO floh die Afrikanerin 1999 nach Dänemark. Ihre beiden Kinder, eine Tochter (9) und einen Sohn (6), musste sie zurücklassen. Wie so viele Male an diesem Abend, wenn China Keitetsi von ihren Kindern erzählt, streicht sie sich liebevoll über ihren Bauch. "Ich wusste nicht, was die Zukunft bringen würde, weder für mich noch für meine Kinder", berichtet sie und fügt hinzu. "So gerne wäre ich wie die jungen Leute hier und würde zur Schule gehen. Aber ich habe meine Kindheit verloren." Immer wiederholt sie, wie leer sie sich fühle und wie stolz sie trotzdem sei, Mutter zu sein. Im August will China Keitetsi nach Afrika zurückkehren, um ihre Tochter zu suchen, zu der gar kein Kontakt mehr besteht. Mit ihrem Sohn kann sie dagegen regelmäßig telefonieren. Um anderen Kindersoldaten zu helfen, hat die Frau eine Foundation gegründet. Die Stiftung bietet Partnerschaften für ehemalige Kindersoldaten an und will ein Haus in Afrika bauen, "in dem sich die Kinder wohlfühlen, zur Schule gehen und eine Ausbildung machen können". Da lächelt China Keitetsi. [Salzgitter-Zeitung] ![]() Mit 10 Jahren zum ersten Mal getötet 27-jährige China Keitetsi berichtete über ihre Zeit als Kindersoldatin in Uganda Braunschweig, 07.06.2004 – "Seid froh, dass Ihr zur Schule gehen könnt und alle ein Zuhause habt, wo Ihr nach dem Unterricht hingeht", sprach China Keitetsi, ehemalige Kindersoldatin in Uganda, die jungen Besucher des Jugendgottesdienstes in der Bartholomäuskirche direkt an. Die waren ganz still und hörten zu, was die 27-jährige aus ihrer Kindheit in Afrika zu berichten hatte. Im Alter von acht Jahren wurde das Mädchen von Soldaten in ein Rekrutierungslager verschleppt. Im Guerillakrieg in ihrer Heimat hat sie nicht nur Eltern und Geschwister verloren, "sondern auch meine Kindheit", sagt die gereifte Frau rückblickend. Mit dem Gewehr in der Hand musste sie auf Befehl auch töten, zum ersten Mal im zarten Alter von zehn Jahren. "Als Kinder haben ich und die anderen gleichaltrigen Soldaten uns um die Umstände viel weniger Gedanken gemacht" als heute als Erwachsene berichtete sie. Nah mehreren Fluchtversuchen aus dem jungen Soldatenleben und mehrmaligem Scheitern, im zivilen Leben Fuß zu fassen, gelang es ihr schließlich, Uganda in Richtung Südafrika zu verlassen. Später in Pretoria wurde sie monatelang vom ugandischen Geheimdienst gefangen gehalten, bevor ihr schließlich die Flucht gelang. Seit fünf Jahren lebt sie nun in Dänemark, hat eine Ausbildung als Sozialarbeiterin hinter sich und setzt sich weltweit dagegen ein, dass unschuldige Kinder als Soldaten missbraucht werden. So benutzen Truppen junge Mädchen und Jungen beispielsweise auch dazu, feindliche Soldaten in Sicherheit zu wiegen und in einen Hinterhalt zu locken. Von dort aus wird dann auf sie geschossen. "Die Militärs haben uns damals ein Leben mit Aussicht auf eine Ausbildung und ein Zuhause versprochen", schrieb sie in dem in acht Sprachen veröffentlichten Buch über ihr Leben als Kindersoldatin. Dort steht auch die Erkenntnis geschrieben: "Kinder sind die loyalsten Soldaten." Und weiter: "Sie begehen Greueltaten, nur um ihren Vorgesetzten eine Freude zu bereiten." China Keitetsi war dabei, als der frühere Oppositionsführer und heutige Statspräsident Yoweri Museveni 1986 in der Hauptstadt Kampala erfolgreich gegen die Regierung von Milton Obote putschte. Und sie musste - wie ungezählte andere junge Soldatinnen - Vergewaltigungen durch männliche Soldaten hinnehmen. Ihre erste Tochter gebar sie mit 14 Jahren. Der Vater war ein militärischer Vorgesetzter. [Braunschweiger Zeitung] Leserbrief: "Hofiert ohne jede Hinterfragung" Wird Schuld relativierbar und dadurch Unschuld, wenn man gleichzeitig Täter und Opfer in einer Person ist? Diesen Eindruck muss man gewinnen, wenn in den Einführungsworten zum Bericht über Kindersoldaten, durch die Vertreterin von "amnesty international", nur vom Opfer die Rede ist. Frau Keitetsis Erzählungen riefen viel Mitgefühl bei den Zuhörern hervor. Ich hatte das Gefühl, dass der Großteil der Zuhörer von berechtigtem Mitgefühl blind gegenüber der schrecklichen Realität war. Es war schockierend, mit welcher Blauäugigkeit hier Vertreter von "ai" einer Frau Öffentlichkeit verschaffen, die im Krieg in Uganda auch Täterin und vermutlich sogar Kriegsverbrecherin war. Sie war neun Jahre Soldatin und befehligte zum Schluss männliche Soldaten. Erst auf Nachfragen beschrieb Frau Keitetsi nur schemenhaft ihre Schuld, mit der sie jetzt leben muss. Aus Berichten anderer Kindersoldaten weiß man, was sie auf Befehl oder aus eigenem Antrieb begangen haben. Verstümmelungen, Folter und Massaker. Als Frau musste sie cooler, härter und brutaler als ihre männlichen Kameraden sein, um sich Respekt zu verschaffen, berichtete sie den Zuhörern. In Den Haag stehen Soldaten mit solch einer Vergangenheit vor einem Kriegsverbrecher-Tribunal und erhalten hohe Haftstrafen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es macht einen sprachlos, mit welcher Fahrlässigkeit und ohne jegliche Hinterfragung hier eine vermutliche Kriegsverbrecherin von deutschen Vertretern der Kirche und "ai" hofiert wird. [Falko Heitmann, Braunschweiger Zeitung, 10.06.2004] Leserbrief: "Kinder keine Kriegsverbrecher" Amnesty international lehnt es ab, Kinder, die mit neun Jahren gezwungenermaßen an Waffen trainiert wurden und diese dann auch zum Töten benutzen, als "Kriegsverbecher" zu sehen. Nicht akzeptierbar am Leserbrief von Herrn Heitmann ist, überhaupt den Eindruck zu erwecken, die ugandische Kindersoldatin China Keitetsi könnte eine solche Kriegsverbrecherin sein. Er möge ihr Buch ("Sie nahmen mir meine Mutter und gaben mir ein Gewehr", Ullstein) lesen. China Keitetsi hat während ihres Zwangsaufenthaltes in Musevenis Bürgerkriegsarmee mehrfach versucht zu fliehen, um nicht zu töten. Herr Heitmann scheint auch kaum Vorstellungen davon zu haben, mit welcher Angst Kinder und Jugendliche, die selber mit der Waffe bedroht werden, den Befehlen erwachsener Soldaten gehorchen werden. Er möge sich auch überlegen, ob alle geschätzten 300.000 Kindersoldaten als de-facto-Täterinnen vor das Internationale Kriegsverbrechertribunal gezerrt werden sollten oder ob nicht die Internationale Staatengemeinschaft, allen voran die waffenliefernden Staaten, gefordert sind, den Teufelskreis zu beenden bzw. zunächst die Verantwortung für tötende Kinder deutlich zuzuordnen. Die UNO hat dies erkannt und China Keitetsi ein Weiterleben in Dänemark ermöglicht. Auf ihr "Tätersein" musste weder von ihr noch von den Veranstaltern hingewiesen
werden; ihr Buch spart diese Seite des grausamen Bürgerkrieges nicht aus.
[Brigitte Riedel, Braunschweiger Zeitung, 18.06.2004] «« |