Menschenrechte gehen alle an – 25 Jahre amnesty-international-Gruppe in Salzgitter

Salzgitter, 30.05.2003 - Nein, da muss Christa Christlieb nicht lange nachdenken. Der größte Erfolg der Salzgitteraner amnesty-Gruppe seit ihrer Gründung vor 25 Jahren? ,,Das war die Freilassung von Dr. George Mtafu." Nie wieder hat das Schicksal eines politisch Gefangenen so viele Salzgitteraner angerührt.

Mehr als 1000 Menschen hatten 1900 Briefe an die malawische Regierung gesendet und die Freilassung des Arztes gefordert. ,,Im Januar 1991 kam die erlösende Mitteilung. Dr. Mtafu war wieder auf freiem Fuß", berichtet die Sprecherin.

Dr. Mtafu hatte während seiner Ausbildung zum Neurochirurgen mit seiner Familie viele Jahre in Salzgitter gelebt. Nach der Rückkehr in seine Heimat konnte er gerade einmal zwei Jahre seinen Landsleuten helfen, bevor er ohne Anklageerhebung oder Gerichtsverfahren in Isolationshaft gesteckt wurde. Anlass dafür war lediglich eine kritische Bemerkung gegenüber des greisen Staatschefs Banda.

Auch im Fall einer Indonesierin, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten wegen angeblichen Ehebruchs gesteinigt werden sollte, wurden zahlreiche Appelle aus Salzgitter abgeschickt. Schließlich führten auch hier lokale und weltweite Proteste zum Erfolg. Die Frau wurde freigesprochen und konnte in ihre Heimat ausreisen.

Pastor Peter Bick und zwölf weitere Mitstreiter haben die Salzgitteraner Gruppe von amnesty international (ai) im August 1978 gegründet. In den Anfangsjahren kümmerte sich die Gruppe immer um ein bis zwei politische Gefangene. ,,Wir setzten uns für Häftlinge in Korea, Argentinien, Sri Lanka und Russland ein, die oft lange in Gefängnissen litten", erinnert sich Christlieb.

Heute habe sich das Muster der politischen Repression jedoch geändert und mit ihm die Art der Reaktion. Die Menschen würden nicht mehr lange eingesperrt, dafür in kurzen Intervallen immer wieder festgenommen, so dass eine kontinuierliche Betreuung nur schlecht möglich sei. ,,Wenn wir jetzt erfahren, dass, egal wo auf der Welt, irgendein Häftling gefoltert wird, in Isolationshaft sitzt oder trotz Krankheit nicht behandelt wird, schreiben wir sofort Appellbriefe an die Regierungen", erläutert sie die Vorgehensweise.
ai-Arbeit in Salzgitter bedeutet aber weit mehr als Briefe zu formulieren. So gestalteten Mitglieder gemeinsam mit Kirchengemeinden und Schülern Transparente für eine Kolumbien-Kampagne (2002), beteiligten sich am ai-Auftritt bei der Expo in Hannover und organisierten Ausstellungen in vielen öffentlichen Gebäuden Salzgitters. Ihre Themen lauteten unter anderem: Die Dritte Welt (1984), Afganistan - überleben und aufbauen (90), Verschwindenlassen (93), Kein Recht auf Kindheit (94), Frauen im Blickpunkt (95), Kurden - verboten, verfolgt, vernichtet (96).

Auch mit Mahnwachen macht ai auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam. Acht Jahre lang erinnerte die Gruppe am jeweils 4. Juni an das 1989 von der chinesischen Obrigkeit an demonstrierenden Studenten auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking begangene Massaker. Als die Istanbuler Samstagsmütter es nicht mehr wagten, auf die Straße zu gehen, um gegen das Verschwinden ihrer Angehörigen zu protestieren, übernahm ai Salzgitter stellvertretend diese Aufgabe. Fast ein Jahr lang (98/99) trafen sich Mitglieder an jedem ersten Samstag im Monat in den Blumentriften zur Mahnwache.

,,Sehr gern erfüllen wir die Bitte von Lehrern und Schülern, in den Unterricht zu kommen. Manchmal begleitet uns dabei ein Betroffener", berichtet Christa Christlieb. Dessen authentischer Bericht überzeuge mehr als tausend Worte. Häufig bemerke sie danach eine Fassungslosigkeit bei den Jugendlichen, die sich ein Klima der Angst und der totalen Unterdrückung nicht vorstellen können. Genau deshalb, betont die engagierte Frau, dürfe das Eintreten für die Menschenrechte nicht allein Sache von ai sein, sondern sollte immer in der Verantwortung aller Bürger liegen ...


[Salzgitter-Zeitung]

««